POSTZOSTERISCHE NEUROPATHIE
Sozialgericht stärkt die Rechte von Schmerzpatienten. Danach hat ein Schmerzpatient das Recht in einer schmerztherapeutischen Klinik behandelt zu werden, auch im Falle einer postzosterische n Neuropathie braucht er also nicht irgendeine der sonst üblicherweise angebotenen, neurologische Rehabilitationen akzeptieren und kann unter Hinweis auf das Urteil gleich Widerspruch einlegen. Hier gelangen Sie zu dem Urteil (dieses gilt sinngemäß natürlich nicht nur für die Rentenversicherungen sondern auch für Krankenkassen), das mittlerweile rechtskräftig ist. Pressemitteilung dazu: http://www.pressetext.de/pte.mc?pte=051207009&phrase=schmerzklinik
Überwiegend wird die postzosterische Neuropathie als postzosterische Neuralg ie bezeichnet, wobei aber der Begriff "Neuropathie" genauer ist, denn eine Neuralg ie steht für anfallsartige, sekundenlang auftretende Schmerzanfälle, wie es aber bei der postzosterische n Neuropathie eher selten der Fall ist.
Als postzosterische Neuropathie werden Nervenschmerzen bezeichnet, die nach dem Abheilen einer Gürtelrose (Herpes zoster) verbleiben.
Die Gür telrose beginnt mit juckenden
Brennschmerzen im Bereich der befallenen Nervensegmente und geht mit Sensibilitätsstörungen einher. Schon die
Berüh rung
der Haut im befallenen
Bereich verursacht einen starken Schmerz (eine sog.
Allodynie). Einige Tage später
bilden sich Hauterscheinungen wie rote Flecken, Pusteln und Papeln aus. Diese
sog. Effloreszenzen heilen in der Regel nach 2 - 4 Wochen ab und normalerweise
verschwinden dann auch die
Nervenschmerzen wieder.
Wenn der Schmerz die Hauterscheinungen der
Gürtelrose überdauert, meistens nach 4-6 Wochen, dann
ist die Krankheit in eine postzosterische
Neuropathie übergegangen.
Fünf bis zehn Prozent aller Patienten mit Gür telrose entwickeln eine
postzosterische Neuropathie
(Loeser
1986). Eine postzosterische Neuropathie
wird begünstigt durch Intensität und Ausmaß der akuten
Gür telrose -Erkrankung,
Diabetes mellitus (= Zuckerkrankheit),
Lokalisation der (häufiger nach
Herpes zoster ophthalmicus
(=
Gesichtsrose)
und vor allem das Alter der Patienten.
Die Inzidenz
(= Anzahl neuer Erkrankungsfälle)
an postzosterische r
Neuropathie beträgt 20-60 Prozent bei den
über 60jährigen (Struppler 1988).
Die postzosterische Neuropathie
wird hinsichtlich des Schmerzcharakters von den Patienten uneinheitlich
beschrieben: anhaltend tief drückend oder brennend, blitzartig einschießend,
stechend und brennend. Fast regelmäßig besteht im Schmerzbereich eine
Sensibilitätsstörung
(= Störung des körperlichen Empfindens), so in Form einer
Hyperpathie (=
Sensibilitätsstörung als Überempfindlichkeit gegenüber allen örtlichen Reizen)
oder auch Hyperalgie
(=
herabgesetzte Schmerzschwelle) bis hin zu einer
Allodynie
(= schon die
Berüh
rung
der Haut im befallenen
Bereich führt zu
Schmerzen).
Behandlung der postzosterische n Neuropathie:
Beim
Entstehungsmechanismus der
postzosterische n
Neuropathie spielen sowohl zentrale (= im Rückenmark)
als auch periphere Nervenläsionen eine Rolle. Dementsprechend werden
verschiedene Therapiemaßnahmen, die zentral oder/und peripher angreifen,
unterschiedlich erfolgreich sein (Hefer mann und Leser, 1992
).
Eine postzosterische Neuropathie
zu behandeln ist äußerst schwierig und setzt große
Erfahrung voraus. Dabei ist häufig eine gezielte "Polypragmasie"
(= Durchführung mehrerer Maßnahmen gleichzeitig)
erforderlich. Die Patienten betreiben zum Teil einen
Schmerzmittelmissbrauch oder
sind gar bereits abhängig, so daß vorrangig eine
Entzugsbehandlung erforderlich
ist. Infolge des chronischen Schmerzes entwickeln sich öfters psychische
Veränderungen, so daß auch
psychotherapeutische Interventionen notwendig werden.
Eine systemische medikamentöse Therapie mit Analgetika
(= Schmerzmittel) nach dem WHO
(= Weltgesundheitsorganisation)
-Stufenschema sollte zumindest ab Stufe 3 (z.B. Gabe von Morphin) erst dann
eingesetzt werden, wenn die Therapie mit Psychopharmaka, Antiepileptika
(= Mittel gegen das Anfallsleiden, aber auch
gegen die postzosterische Neuropathie wirksam) und
nichtmedikamentösen Verfahren, sowie perkutaner
(= durch die Haut hindurch)
Medikamentenanwendung ausgeschöpft wurde.
Antidepressiva (z.B. Doxepin, Maprotilin) (= Mittel gegen Depression),
evtl. auch in Kombination mit
Neuroleptika (z.B.
Levomepromazin)
(= Mittel zur psychischen Behandlung, aber auch gegen einen Schmerz wirksam),
verschaffen Patienten mit postzosterische
r Neuropathie häufig
Linderung. Wir bevorzugen Amitriptylin in einer Tagesdosis von bis zu 75 mg, da
es in Kombination mit Analgetika, Antiepileptika und oder Neuroleptika stärker
wirksam ist.
Gegen den Schmerz bei dieser Neuropathie (postzosterische) wirken am besten sog. Antiepileptika (= eigentlich Mittel gegen die
Fallsucht, aber auch bei der postzosterische n
Neuropathie hilfreich). Als erste Wahl
gelten heute Gabapentin (z.B. Neurontin®) oder Pregabalin (Lyrica®), als 2. Wahl Carbamazepin (z.B. Tegretal®).
(Hinweis: Neurontin® ist bezüglich der Off Label-Bestimmungen
zur Behandlung bei postzosterische Neuropathie zugelassen und damit rezeptierfähig).
Zur Wirkstoffeinsparung und damit Reduzierung der
Nebenwirkungen kann mit Baclofen
(= ein Mittel zur Muskelentspannung) kombiniert
werden. Manchmal ist auch die Verordnung von Keltican®
(= ein Mittel, das z.T. Nervenschäden reparieren kann)
hilfreich.
Die postzosterische Neuropathie kann auch perkutan (= durch
die Haut hindurch)
medikamentös behandelt werden. Dazu eignet sich Acetylsalicylsäure
(= bekannt als Aspirin®),
wobei allerdings durch ASS eine Ablösung der Hornschicht der Haut und bei Lösung
in Chloroform dessen Leber- und Nierengiftigkeit zu beachten ist (Zenz
1994).
Capsaicin, Inhaltsstoff des spanischen Pfeffers, als Creme (0,025-0,075%)
verabreicht, kann ebenfalls schmerzlindernd wirken. Allerdings tolerieren einige
Patienten nicht die mit der Anwendung verbundenen Hautreizungen und
vorübergehende Schmerzverstärkung.
Auch eine Iontophorese
(= Verabreichung von Wirkstoffen durch die Haut mit Hilfe von Gleichstrom)
mit Vincristin, ist zur Behandlung der
postzosterische n
Neuropathie geeignet, wenn die
Gür telrose nicht länger als 6 Monate zurückliegt (Layman
1986).
Die postzosterische Neuropathie
kann auch erfolgreich mit der
therapeutischen
Lokalanästhesie
(=
Behandlung mit einem örtlichen Betäubungsmittel
bzw.
Lokalanästhetika)
behandelt werden. Manche Autoren behaupten, die Erfolgsrate
sei abhängig von dem Zeitpunkt des Beginnes der
Schmerztherapie nach Ausbruch der Gür telrose. Nach sechs Wochen (Hempel
1993) beziehungsweise 3 Monate (Zenz 1994) sei die postzosterische Neuropathie
in den meisten Fällen durch
Nervenblockaden
(=
Nervenbetäubungen)
nicht mehr günstig zu beeinflussen. Auch Loeser (1986) räumt der
therapeutischen Lokalanästhesie bei Patienten mit älterer postzosterische r
Neuropathie kaum noch Nutzen ein.
Dem widersprechen aber zum Teil die
Erfahrungen anderer Autoren. Auch Hefermann und Leser (1992) berichten über
gute Erfolge mit Nervenblockaden, sofern diese konsequent durchgeführt werden.
Folgendes
Vorgehen hat sich bei der
postzosterische n
Neuropathie
bewährt: Nach einer positiven, schmerzlindernden Testblockade
wird eine Serie von Nervenblockaden mit einem lang wirksamen örtlichen Betäubungsmittel (z.B.
Bupivacain in einer Konzentration von 0,25%)
durchgeführt, wobei anzustreben ist, die Folgeblockade immer dann anzusetzen,
wenn die vorhergegangene eben abgeklungen ist. Dazu bieten sich
kontinuierliche
Verfahren mittels Kathetertechnik (=
Einpflanzung eines dünnen Kunststoffschlauch dicht an den betroffenen Nerv)
an.
Im Trigeminusbereich (postzosterische Neuropathie
im Gesich t) wird der betroffene Ast (hpts.
St irn) am zugehörigen Austrittspunkt und die dominante Schmerzregion mit einigen
Millilitern Lokalanästhetikum betäubt.
In den mittleren und unteren
Halssegmenten kann der Plexus brachialis
(= Armnervengeflecht) entweder wiederholt mit
Spritzen, oder besser mit der
kontinuierlichen Technik
(= Einpflanzung eines dünnen Kunststoffschlauch
dicht an das Nervengeflecht) betäubt werden. Die
sog. retrograd hohe Variante erlaubt eine Blockadeausbreitung bis hoch zu den
Spinalwurzeln (= aus dem Rückenmark
stammende Ner venwurzel an der Wirbelsäule).
Der interskalenäre (= zwischen zwei Halsmuskeln)
Zugang ist mit einem etwas höheren methodischen Risiko verbunden.
Bei
Zosterbefall der Segmente im Bereich der Brustwir belsäule sind
Interkostalblockaden (= Betäubungen
der Zwischenrippennerven) angebracht, unterhalb
von Th 12 bieten sich Periduralblockaden
(= Betäubungen nahe am Rückenmark) mit Bupivacain
(z.B. 0,125%) an. Sind die Ner ven ischiadicus und / oder femoralis betroffen,
können diese wiederholt mit Spritzen oder auch kontinuierlich mit Katheter
blockiert werden (Hefermann und Leser, 1992).
Viele Autoren betonen, daß die postzosterische Neuropathie
gut auf Sympathikusblockaden
(= Blockaden des sog. autonomen, selbständigen Nervensystems)
(z.B. Auberger 1990, Hempel 1993) anspricht. Im Gesichts- und Armbereich
erfolgen dazu Stellatumblockade
n (=
Blockaden einer vegetative Schaltstelle im seitlichen Halsbereich).
Hempel differenziert weiter und empfiehlt für die Trigeminusäste 1 und 2
(= Sti
rn, Wan
ge)
Blockaden des Ganglion cerv icale
superior
(= eine weitere vegetative Schaltstelle im oberen Halsbereich)
und weiter unten (3. Trigeminusast bis TH 4) des
Ganglion stellatum, wozu auch
verdünnte Opioidlösungen
(=
morphinähnliche Lösungen) verwendet werden können.
Im B rust- und Lendenwirbelsäulenbereich bieten sich Periduralblockaden
(= rückenmarknahe Blockaden)
und im Kreuzbeinbereich Sakralanästhesien
(= ebenfalls eine rückenmarknahe Blockade, in Höhe des Kreuzbeines)
an.
Topische (= eine
örtliche, oberflächlich wirkende)
Lokalanästhesie der betroffenen Hautareale, zum
Beispiel mit Lidocain-Spray oder Lidocain-Prilocain Creme (EMLA®), wird bei der
postzosterische n
Neuropathie von verschiedenen Autoren eingesetzt (Milligan 1989).
Bei abnehmender Wirkung im Behandlungsverlauf ist an eine Tachyphylaxie
(= Wirkungsabschwächung bei wiederholter
Anwendung) zu denken. Zudem können bei lokaler
Anwendung zusammen mit Nervenblockaden toxische
(= giftige)
Lokalanästhetikakonzentrationen erreicht werden.
Neurolytische (= nervenzerstörende)
Verfahren wie zum Beispiel epidurale
(= rückenmarknahe)
Einspritzung von Phenol (Neuendorf 1986) sollten
die Ausnahme bleiben. Die postzosterische Neuropathie
sollte nicht chirurgisch oder chemisch
destruktiv
(= zerstörend) behandelt werden, da diese
Eingriffe kaum zum Erfolg
führen (Kossmann 1986), beziehungsweise unbefriedigende
Langzeitergebnisse bei hoher Komplikationsrate aufweisen (Hankemeier
1988).
Bei den neurochirurgischen Verfahren sind periphere Neurektomien (= operative Teilentfernung eines
Ner ven)
und dorsale Rhizotomien (= chemische
Unterbrechung der hinteren Wurzel des Rückenmarks)
von geringem Nutzen. Am effektivsten soll eine DREZ-Läsion (Läsion der
dorsal-root-entry-zone)
(= elektrische "Verkochung"/Zerstörung der hinteren
Schmerzeintrittzone am Rückenmark)
sein (Zenz 1994). Ansonsten können eher elektrische
Stimulationsverfahren am Rückenmark wie SCS (spinal cord stimulation)
gewählt werden.
Die Transkutane elektrische Nervenstimulation (TENS) mit
Klebeelektroden sollte bei der postzosterische
n Neuropathie
eigentlich immer versucht werden, teilweise läßt sich damit eine
zufriedenstellende Schmerzlinderung erreichen.
Akupunktur wird in der
Literatur sehr unterschiedlich beurteilt. Nach Zenz (1994) hat diese
Therapie bei der
postzosterische n
Neuropathie
keine bessere Wirkung als Placebo
(= Wirkstoff-freies Scheinmedikament).
Wenn die postzosterische Neuropathie längerfristig besteht, ist davon auszugehen, daß bereits ein Chronifizierungsgrad II oder III (Mainzer Stadieneinteilung) vorliegt. In diesen Fällen ist eine rein somatische (= körperliche) Behandlung kaum mehr ausreichend, sondern es müssen zusätzlich psychologisch /psychotherapeutische Interventionen erfolgen.
Ergänzende Dateien:
Postzosterische Neuropathie nach Gesichtsrose
Postzosterische Neuropathie nach Kopfrose
Hier noch eine sehr gute psychologische Literaturempfehlung: Schmerzen überwinden (einfach anklicken)
Aktualisiert: k 07.12.05
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